Wichtig: Dieser Text referiert eine öffentliche Debatte. Er ist keine medizinische Beratung und keine Empfehlung, mit dem Dampfen zu beginnen. Wer mit dem Rauchen aufhören möchte, findet beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (Rauchfrei-Telefon 0800 8 31 31 31), in Suchtberatungsstellen und in der ärztlichen Praxis kostenfreie und fundierte Unterstützung.
Was die deutschen Fachbehörden sagen
Zwei Einrichtungen prägen die Einschätzung in Deutschland besonders. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beschreibt, dass das Liquid bei den meisten Geräten bei etwa 150 bis 200 Grad verdampft wird, also ohne Verbrennung. Gesundheitliche Risiken können sich nach Darstellung des BfR aus dem Nikotin, aus den Trägerstoffen, Aromen und möglichen Verunreinigungen ergeben, außerdem können durch die Hitze weitere gesundheitsgefährdende Stoffe entstehen. Über die langfristigen Folgen sei noch wenig bekannt.
Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) kommt in seiner Reihe „Fakten zum Rauchen" zu einer ähnlichen Linie: Das Aerosol enthält weniger Schadstoffe als Tabakrauch, die Produkte sind aber nicht harmlos. Nachgewiesen wurden unter anderem Carbonylverbindungen wie Formaldehyd, Acetaldehyd und Acrolein, reaktive Sauerstoffverbindungen sowie Metalle wie Nickel, Chrom und Blei. Weil sich Geräte und Liquids stark unterscheiden, ist eine allgemeine Risikobewertung schwierig.
Diese Einschätzungen ändern sich mit neuen Daten. Wer sich informieren möchte, sollte deshalb auf das Veröffentlichungsdatum achten und die jeweils aktuelle Fassung heranziehen.
Die Einstiegsthese
Ein wiederkehrendes Argument lautet, die E-Zigarette führe Jugendliche und Nichtraucher an das Rauchen heran. Befürworter dieser These verweisen auf Studien, in denen Jugendliche, die dampfen, später häufiger zur Tabakzigarette greifen als solche, die es nicht tun.
Kritiker halten dem entgegen, dass diese Korrelation nicht zwingend eine Ursache belegt. Wer dampft, unterscheidet sich in Risikobereitschaft und sozialem Umfeld von denen, die es nicht tun - und genau diese Merkmale sagen den späteren Tabakkonsum ebenfalls vorher. Zudem wurde in mehreren europäischen Erhebungen der 2010er-Jahre ein sehr hoher Anteil ehemaliger oder aktueller Raucher unter den erwachsenen Dampfern festgestellt, während der Anteil derer, die ohne Rauchvorgeschichte einstiegen, gering ausfiel.
Bemerkenswert ist, dass die Raucherquote unter Jugendlichen in Deutschland und Großbritannien im selben Zeitraum, in dem E-Zigaretten sich verbreiteten, deutlich gesunken ist. Das widerlegt die These nicht, passt aber schlecht zu einem starken Einstiegseffekt. Unabhängig davon, wie man die These bewertet: Der Gesetzgeber hat sich für einen klaren Jugendschutz entschieden. Seit April 2016 dürfen E-Zigaretten und Liquids in Deutschland nicht an Minderjährige abgegeben werden, auch nikotinfreie nicht.
Die Risikofrage
Unstrittig ist der physikalische Ausgangspunkt: Ohne Verbrennung entstehen die typischen Verbrennungsprodukte einer Tabakzigarette nicht. Das ist keine Frage der Bewertung, sondern der Chemie.
Umstritten ist, was daraus folgt. Britische Gesundheitsbehörden kamen in mehreren Berichten zu einer deutlich geringeren Risikoeinschätzung gegenüber dem Rauchen und verfolgen einen Kurs der Schadensminderung. Deutsche und US-amerikanische Stellen sind zurückhaltender und verweisen auf fehlende Langzeitdaten sowie auf Substanzen, die beim Erhitzen entstehen können - etwa Carbonylverbindungen, deren Bildung mit der Temperatur stark zunimmt.
Beide Positionen stützen sich auf reale Daten und gewichten Unsicherheit unterschiedlich. Wer eine der beiden als „die Wahrheit“ präsentiert, verkürzt. Auch das DKFZ formuliert für Menschen, die E-Zigaretten zum Rauchstopp nutzen, als langfristiges Ziel, auf alle schädlichen und abhängig machenden Produkte zu verzichten.
Was oft übersehen wird
- Der Vergleichsmaßstab entscheidet. Ein Vergleich mit dem Rauchen führt zu anderen Aussagen als ein Vergleich mit gar nichts. Beide Vergleiche sind legitim, beantworten aber verschiedene Fragen.
- Nikotin bleibt Nikotin. Ein nikotinhaltiges Liquid macht ebenso abhängig wie andere Nikotinquellen. Die Abhängigkeit verschwindet durch den Wechsel des Trägers nicht.
- Die Temperatur ist eine Variable. Studien, die bei hoher Leistung messen, finden mehr problematische Nebenprodukte als solche bei üblicher Leistung. Angaben ohne Nennung der Bedingungen sind wenig aussagekräftig.
- Die Lungenerkrankungen von 2019 in den USA wurden auf Vitamin-E-Acetat in illegal gehandelten THC-Kartuschen zurückgeführt - nicht auf regulär verkaufte Nikotinliquids. Die US-Gesundheitsbehörde CDC zählte bis Februar 2020 insgesamt 2.807 Fälle mit Krankenhausaufenthalt oder Todesfolge. Die beiden Sachverhalte werden bis heute häufig vermischt.
- Gerät ist nicht gleich Gerät. Ergebnisse, die mit einem bestimmten Gerätetyp und Liquid gewonnen wurden, lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere übertragen.
Verbreitete Behauptungen im Faktencheck
| Behauptung | Einordnung |
|---|---|
| „Das ist doch nur Wasserdampf.“ | Falsch. Das Aerosol besteht vor allem aus PG, VG, Aromen und gegebenenfalls Nikotin, dazu kommen in geringen Mengen weitere Stoffe. |
| „E-Zigaretten sind genauso schädlich wie Zigaretten.“ | So pauschal nicht belegt. Die Fachbehörden gehen von weniger Schadstoffen im Aerosol aus, betonen aber, dass die Produkte nicht harmlos sind. |
| „E-Zigaretten sind harmlos.“ | Falsch. BfR und DKFZ sehen gesundheitliche Risiken, Langzeitfolgen sind nicht ausreichend erforscht. |
| „Nikotinfrei heißt risikofrei.“ | Nicht belegt. Auch ohne Nikotin wird ein erhitztes Aerosol eingeatmet. |
| „Die Todesfälle in den USA kamen von normalen Liquids.“ | Nach Erkenntnissen der CDC war Vitamin-E-Acetat, vor allem in THC-haltigen Produkten aus nicht regulären Quellen, die Hauptursache. |
Wie man eine Studie einordnet
Zu kaum einem Konsumprodukt erscheinen so viele Studien mit scheinbar widersprüchlichen Ergebnissen. Fünf Fragen helfen, eine Meldung einzuordnen, bevor man ihr glaubt oder sie verwirft:
- Womit wurde verglichen? Mit Rauchen, mit Nichtrauchen oder mit anderen Hilfsmitteln?
- Unter welchen Bedingungen wurde gemessen? Leistung, Gerätetyp und Zugprofil verändern die Ergebnisse erheblich.
- Wie alt sind die Daten? Geräte und Liquids haben sich seit den frühen Studien stark verändert.
- Zeigt die Studie eine Ursache oder einen Zusammenhang? Beobachtungsstudien belegen Korrelationen, keine Kausalität.
- Wer hat finanziert? Interessenkonflikte gibt es auf allen Seiten der Debatte, sie stehen in seriösen Veröffentlichungen am Ende.
Was offen bleibt
Belastbare Daten über Zeiträume von zwanzig Jahren und mehr existieren schlicht noch nicht - das Produkt ist dafür zu jung. Ebenso wenig geklärt sind die Langzeitwirkungen einzelner Aromastoffe: Viele sind als Lebensmittelzusatz geprüft, was über das Einatmen nach Erhitzung nichts aussagt. Was in Liquids enthalten sein darf, beschreibt der Beitrag Liquid-Grundlagen, wie das Aerosol technisch entsteht, die Funktionsweise.
Wer eine gesundheitliche Entscheidung treffen will, sollte sie mit einer Ärztin oder einem Arzt besprechen und aktuelle Einschätzungen der zuständigen Fachbehörden heranziehen. Ein Geräteratgeber ist dafür nicht die richtige Quelle - auch dieser nicht.
Häufige Fragen
Ist der Dampf einer E-Zigarette nur Wasserdampf?
Nein. Das sichtbare Aerosol besteht vor allem aus kondensiertem Propylenglykol und Glycerin, dazu kommen Aromastoffe und gegebenenfalls Nikotin. Das Deutsche Krebsforschungszentrum weist darauf hin, dass im Aerosol auch Stoffe wie Formaldehyd, Acetaldehyd und Acrolein sowie Metalle nachgewiesen wurden.
Sind nikotinfreie Liquids unbedenklich?
Das lässt sich so nicht sagen. Ohne Nikotin entfällt das Abhängigkeitspotenzial dieses Stoffs, das Aerosol aus Trägerflüssigkeit und Aromen wird aber trotzdem erhitzt und eingeatmet. Der Gesetzgeber behandelt nikotinfreie Produkte im Jugendschutz deshalb wie nikotinhaltige.
Wie wirkt sich Dampfen auf Umstehende aus?
Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist darauf hin, dass das Aerosol Stoffe enthalten kann, die auch Umstehende einatmen. Eine Arbeit des Deutschen Krebsforschungszentrums berichtet von einem Anstieg des Nikotinabbauprodukts Cotinin bei Nichtrauchenden, die dem Aerosol ausgesetzt waren, wenn auch geringer als beim Passivrauchen.
Wo finde ich aktuelle, verlässliche Einschätzungen?
In Deutschland veröffentlichen das Bundesinstitut für Risikobewertung, das Deutsche Krebsforschungszentrum und das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit regelmäßig Einschätzungen. International führt die Cochrane Collaboration eine fortlaufend aktualisierte Übersichtsarbeit zur Rolle von E-Zigaretten beim Rauchstopp. Für persönliche Entscheidungen ist die ärztliche Praxis der richtige Ort.
Zuletzt redaktionell geprüft: Oktober 2026